Unter einem Hut

Warum braucht Europa Russland?

27.12.2023

Nikolaj Banzeljuk, Kaluga, Russland

Diesen Artikel schrieb ich vor fast zwanzig Jahren auf Bitten der Zeitschrift »die Drei«, und dort wurden er im Mai 2004 veröffentlicht. Was heutzutage zwanzig Jahre sind, waren fast 200 Jahre in jüngerer Vergangenheit. Und ich habe diesen Text zu vergessen. Jetzt entwickelt sich die Welt so rapide und schnell, dass es für moderne Menschen, die sich in lasterhaftem Konsum der »Güter« der Zivilisation verfingen, beinahe unmöglich ist, mit allem Schritt zu halten und das Wesen der rasanten und beängstigenden Veränderungen zu verstehen. Die Angst bindet und lähmt. Und wenn ein Mensch etwas nicht versteht - in diesem Fall das Geschehen - dann wird die Schuld dafür anderen gegeben, das sagte schon der große russische Schriftsteller Anton Tschechow am Ende des vorletzten Jahrhunderts. Und diese »anderen« - um wen handelt es sich? Im Großen und Ganzen sind es Menschen wie er selbst, mit einigen Ausnahmen. So schließt sich der Kreis und die Falle schnappt zu. Ein Mensch in einer solchen Situation und in einem solchen Zustand kann normalerweise nichts Positives in den für ihn unverständlichen und beängstigenden Ereignissen erkennen - keine Hoffnung, keinen Ausweg..

Aber hier möchte ich mehr über Putin sagen, als Ergänzung oder Erweiterung meines Artikel um allerwichtigstes bei ihm zu betonen. Nur ein Zitat: »In der heutigen sich schnell entwickelnden Welt, in der über Nacht sowohl Vermögensgegenstände als auch frühere Produkte und Technologien auf null gesetzt werden können, bleiben der Mensch, seine Talente, seine Ausbildung und seine Fähigkeiten dagegen ein grundlegender Wert«, das sagte unser Präsident Wladimir Putin -- ein Mensch, der, (glauben Sie mir bitte und untersuchen es selbst), das GESCHEHEN versteht. Vielmehr ist er jemand, der aktiv am Geschehen teilnimmt und es beeinflusst. Er ist auch derjenige, den viele in Europa als den Täter der tragischen Ereignisse der letzten zwei Jahre betrachten, so wie ich es verstand. Außerdem gilt er als der HAUPT- und EINZIGE Täter. Was wird ihm vorgeworfen? Ja, eigentlich nur das, dass er existiert, dass er lebt. Der Kern der Anschuldigung lautet: Gäbe es Putin nicht, gäbe es keinen Krieg im Osten Europas! Und dann ist alles einfach, nach dem Motto von Stalin: Es gibt einen Menschen -- es gibt ein Problem, es gibt keinen Menschen -- es gibt kein Problem. Daher der Aufruf, der in Deutschland wie ein Abschuss lautete: Putin zu töten...

Als dieser Aufruf nach Russland kam, nach Kaluga, wo ich wohne, spürte ich Sehnsucht und Kälte in meiner Seele. Und Angst: Ist Putin wirklich ein Monster, und ich habe das nicht bemerkt? Ich zwang mich, meinen damaligen Artikel aus dem Jahre 2004 einmal, dann ein zweites und ein drittes Mal zu lesen... Und ich fand darin keine Betrügereien, keine Verschönerungen, keine Lügen - nichts, wofür ich mich schämen müsste. Ich beschloss, den Artikel erneut zu veröffentlichen. Damit der deutsche Leser angesichts der Erfahrung der zurückliegenden zwanzig Jahre, die die Welt seit der Veröffentlichung in der Zeitschrift »die Drei« erlebte, sein Urteil fällen kann.

Aber vorher ein paar Worte, auch und gerade aus der Erfahrung, das Geschehen zu beobachten und daran TEILZUNEHMEN. Ich akzentuiere das Wort TEILNAHME bewusst. Für einen lebenden Menschen, der zum Geist aufgewacht ist und das Geschehen verstehen will, ist es nicht nur notwendig, daran teilzunehmen, sondern auch unvermeidlich. Um dies zu tun, ist es nicht notwendig, Waffen in die Hand zu nehmen und zu kämpfen. Das kann nicht jeder, das ist nicht jedem möglich. Aber es gibt einen Krieg in der physischen Welt, sozusagen sichtbar und unsichtbar, in der geistigen Welt. In der christlichen Tradition heißt es der "unsichtbare Kampf". Am ersten kann man nicht teilnehmen: fliehen, sich verstecken, sich am Ende des Tages loskaufen. Dem "unsichtbare Kampf" ist es unmöglich auszuweichen. Ein Mensch lebt, er existiert, und damit ist er bereits ein Teilnehmer, er ist bereits auf jemandes Seite. Sogar wenn er sich selbst zurückzieht, sich in sich verschließt und nichts von den Ereignissen in der Welt hören will, ist er ein Teilnehmer, er hilft den Kräften des Bösen, die auch in seinem Namen Böses tun. Ohne ihn direkt zu fragen, ob er die bewusst unterstützt... Die Kräfte des Bösen nutzen das ohne sein Einverständnis aus.

Aber nicht die Kräfte des Guten. Sie nehmen nur die Bewusstseinsmenschen, die wissentlich bereit sind, dem Guten zu dienen und persönlich für das verantwortlich zu sein, was sie getan haben, und die nicht nach den Schuldigen suchen.

Ich möchte sagen, was mir in diesen zwanzig Jahren sich an Putin gezeigt hat. In meinem Artikel hatte ich eine einfache Aufgabe: objektiv den Moment des Eintritts - oder wie Tschechow ohne Angst sagte - das Eindringen in das Leben des Neuen, einer neuen Kultur, zu erfassen. Die Leute (und auch ich mit ihnen oder unter ihnen) hatten Putin damals als Träger eines unbekannten und faszinierenden Neuen gefühlt. Diese Neue ist unbeschreiblich, »die Zunge stockt, es sträubt sich die Feder«, wie die Russen sagen. Aber diese Neue ist lang ersehnt und tschayemoye (antizipativ), wie man in solchen Fällen in Russland sagt.

Also, um mich kurzzufassen, das, was Putin aus den tiefen Volksseelen entgegenkam, hatte eine andere Farbe, einen anderen Geruch, einen anderen Klang und auch einen anderen Geschmack, als wenn die Menschen Jelzin oder Gorbatschow getroffen hatten. Nach und nach begannen sich auch seine Gegner zu zeigen, insbesondere aus der Elite und denjenigen, die während der Perestroika Vermögen machten. Das waren natürlich kluge Leute. Diejenigen, die im Ausland ausgebildet wurden und von der Lebensweise dort verführt wurden. Aber sie können Putin nicht stürzen, obwohl sie es versuchen. So leben wir nach dem Sprichwort: »Es ist möglich, den russischen Verstand zu verwirren, aber niemand wird das Volksgefühl des russischen Volkes täuschen«. Der russische Verstand, der verlockt und in die Irre geführt wird, der im Übrigen der Verstand ist, von dem der Dichter Tjuttschew sagte: »Verstand wird Russland nie verstehen«, will alles in den 90er Jahren umkehren, aber das Volksgefühl und das Vertrauen lassen es nicht zu. Das unterstützt Putin und gibt ihm die Kraft zu gewinnen. Das Volksgefühl ist nicht nur ein poetisches Bild, es ist eine echte Kraft. Es ist da, es lebt, es erfüllt das ganze Land und seine Kraft kann jeder erleben, der erwacht ist, der versucht - oder noch besser - der lernt, nach den Interessen der Menschen zu leben. Hier ist ein Beispiel aus dem Internet: »Ich bin ein Vatnik, ich trinke und werde trinken... Ich respektiere Putin dafür, dass er das Land so verändert hat, wie ich mich selbst nicht ändern konnte«. (Vatnik -- eine Winterjacke der einfachsten, grundlegendsten Arbeiter in Russland. Unsere vom Westen gelockten ukrainischen Brüder begannen uns seit dem Maidan in Kiew im Jahr 2014 als Vatniki zu bezeichnen.)

Liebe Deutsche, töten Sie Putin nicht, töten Sie die Russen nicht in Ihren Herzen! Halten Sie Ihre Herzen offen - die Russen sind nahe, vor Ihrer Haustür, sie kommen Ihnen zu Hilfe, um Sie aus dem Joch der Angelsachsen zu befreien. Nicht mit den physischen Augen, sondern mit den offenen Herzen können Sie in russischen Reihen den deutschen Volksgeist sehen, der für Ihre Zukunft und die Zukunft der ganzen Welt kämpft, dem Sie selbst, von den Angelsachsen versklavt, den Zugang zu Ihnen beraubte...

Und letztlich spreche ich für mich. Ich möchte Sie aufrufen: Lesen Sie »Der Kirschgarten« von Anton Tschechow. Gehen Sie nicht ins Theater, dort gibt es nur eine Fälschung. Lesen Sie - besser gesagt - lassen Sie uns zusammenlesen. Wir sind doch auf der Webseite »Unter einem Hut«, was bedeutet, dass es verpflichtet ist.

Und das wäre die beste Vorbereitung für das Kommen/Treffen der Russen und Ihres Volkserzengels in den russischen Reihen.


Europa ohne Russland droht sein teilweise noch unkonturiertes Gesicht zu verlieren, sein Zentrum droht zur bloßen Peripherie, zum Randgebiet der westlichen Kulturwelt zu werden. Die Europäer sind innerlich zu schwerfällig, zu sehr an die äußeren Lebensbedingungen gebunden und könnten deshalb zu einer leichten Beute der westlichen Kultur werden, deren Symbol und Sinn die Gesell- schaft des allgemeinen Wohlstandes ist.

»Um uns zu erneuern, müssen wir durch das russische Chaos gehen«

Die Annäherung an Russland könnte Europäer beweglicher, fließender und damit weniger anfällig für die Verlockungen des Westens machen. In Mitteleuropa wurde und wird das leider von nur wenigen verstanden. Einer von diesen wenigen war Hermann Hesse. Ein Satz von dem großen deutschen Schriftsteller gibt mir Mut und Kraft, in meinem persönlichen Verkehr mit Mitteleuropäern ich selbst zu bleiben: »Um uns zu erneuern, müssen wir durch das russische Chaos gehen.« Das ist eine sehr wertvolle Aussage, denn in ihr ist nicht nur gesagt, was gemacht werden muss, sondern auch, wie es gemacht werden muss. »Wir«, damit sind auch die Deutschen gemeint, müssen durch das Chaos gehen. Das heißt, an diesem Prozess sollten Europäer aktiv Anteil nehmen, sie sollten aufhören, mögliche Peinlichkeiten und Verluste zu berechnen, sollten stattdessen Mut sammeln, um ihre Seele dem russischen Chaos zu öffnen.

Der zitierte Ausspruch Hesses ist bisher jedoch nur literarische Tatsache geblieben, keine Lebenstatsache geworden. Im Laufe von etwa fünfzehn Jahren, in welchen ich die Möglichkeit hatte, mit Europäern zu verkehren, ist mir keiner begegnet, dem diese Aussage geläufig gewesen wäre. Dies sagt nichts über das Gebildetsein oder Nichtgebildetsein von Europäern aus. Es handelt sich um etwas anderes: Ein Europäer kennt vor allem das, was nützlich ist, was für ihn einen Sinn hat. Das Maximum an Verständnis, zu dem sich ein durchschnittlicher Mitteleuropäer ni Bezug auf den Osten Europas aufschwingen kann, ist sein Dank gegenüber Gorbachow für die Möglichkeit, Deutschland zu vereinigen. Dabei gilt der Dank Gorbachow persönlich, nur ihm. Auf Russland erstreckt sich dieser Dank nicht, als ob Russland damit nichts zu tun hätte! Als ob Gorbachow diese Vereinigung entgegen dem Wunsch der Russen zugelassen hätte. Als Beweis wird gesagt: In Russland schätze man Gorbi weniger als die Deutschen ihn schätzen und lieben. Diese Einschätzung ist zutreffend, bequem, aber auch oberflächlich.

Ohne Europa werden wir mit Asien, genauer gesagt: mit dem Asiatischen nicht fertig: mit dem Äußeren, das nach Russland eindringt, und mit dem Inneren, das in uns selber wirkt. Unsere unermesslichen geografischen Weiten symbolisieren die von uns noch nicht erforschten seelischen Weiten und Tiefen - Regionen also, die noch nicht von dem »Herren«, d.h. von unserem Ich, betreten wurden. Dieses Ich ist noch nicht stark genug. Ebenso wie wir nicht wissen, wieviele Millionen Chinesen unseren fernen Osten illegal erschließen, in welchem Maße wir die- ses Territorium, wenigstens von einem wirtschaftlichen Standpunkt aus, noch für unser oder schon für chinesisch halten müssen, wir nicht ahnen, wieviele Illegale aus anderen Ländern des Ostens einer Tätigkeit in unserem Land nachgehen, welche Betriebe, Gesellschaften, Bergwerke, Ölvorkommen oder auch Hotels in ihrem Besitz sind, - so wissen wir bei weitem nicht immer, was sich in unseren unerforschten seelischen Tiefen anbahnt und womit uns diese überraschen werden.

Oft werden wir uns unserer Taten erst hinterher bewusst. Und darin liegt nicht nur unsere Schwäche, sondern - ich nehme mir die Freiheit heraus, dies auszusprechen -, darin liegt eben auch unsere Stärke. Wenn die Russen im Voraus gewusst hätten, dass ihr militärischer Rückzug aus Osteuropa eine derartige Instabilität nach sich ziehen würde und die NATO ihren Einflussbereich entgegen den vormals getroffenen Vereinbarungen fast bis an die Westgrenze Russlands ausdehnen würde - ich bezweifle, dass es dann je zu einem Abzug sowjetischer Truppen gekommen wäre. Und folglich gäbe es heute auch kein Europa, das sich auf eine Einheit zubewegt. Hätte Russland nicht Zustände eines »seelischen Chaos«, das sich von Zeit zu Zeit offenbart, hätte es keine Perestroika gegeben, die Europa neue, wichtige Impulse zu vermitteln imstande war.

Bevor wir aber die Natur dieses Chaos betrachten, möchte ich noch auf ein Bild verweisen. Es gibt viele Anschauungen darüber, weshalb die UdSSR untergegangen ist. Diese Deutungen müssen hier nicht alle aufgezählt werden, sie sind in der Regel bekannt. Keiner von ihnen darf man anhängen, denn sie sind alle einseitig - und darin erweisen sie sich als Falle. Wenn man etwa annimmt, dass der Zusammenbruch der UdSSR ein Verdienst der CIA gewesen ist (es wird wohl niemand bestreiten, dass die CIA in diesem Land auf kommunistische Weise tätig war), dann entsteht für einen Russen bzw. Europäer ein nachvollziehbares, aber doch sehr einfaches Bild. Ein Russe wird hierdurch in seinem Hass auf Amerika bestärkt, und ein Nichtrusse wird uns bemitleiden und uns vor Augen halten, was die Perestroika Positives für uns und die Welt gebracht hat. Es scheint mir, das ist nicht gerade das Bild von Perestroika, das imstande wäre, Russland und Europa wirklich einander anzunähern; es ist nicht das Bild, das es gestattete, eine Verantwortung für die Zukunft des gemeinsamen Hauses wahrzunehmen. Ich nehme mir die Freiheit, ein anderes Bild (keine Erklärung) unserer Perestroika anzubieten, welches alle Ereignisse der letzten zwei Jahrzehnte, nämlich Glasnost, Privatisierung, Zerfall, das ganze Durcheinander und, wenn man so will, den das Ganze durchziehenden Idiotismus, in ein anderes Licht rückt. Ein symbolisches Bild für das bisher noch nicht bewusst Gewordene dieser Veränderungen ist für mich der Fortgang von Leo Tolstoij aus Yassnaya Polyana. Stellen wir uns den großen weltbekannten russischen Schriftsteller vor: Er wird verehrt, er ist reich, wohnt in einer gemütlichen, von ihm geliebten Datscha - ein Patriarch, umgeben von Generationen liebender Familienangehöriger. Sein Leben geht zur Neige, es geht vor den Augen der ganzen Welt langsam in die Ewigkeit ein ... Und plötzlich geht er fort, genauer gesagt, flieht aus dem Haus, heimlich, in der Nacht. So ist es gewesen, wie ein Zeuge erzählt: »Seine Hände zitterten, die Kofferriemen zusammenziehend ... Dann lief er in den Pferdestall, die Diener zu wecken, befahl, Pferde einzuspannen. Die Nacht war feucht, kalt und stockdunkel; er verirrte sich in der Dunkelheit, geriet unter irgendwelche Gebüsche, hatte sich beinahe ein Auge ausgestochen, seine Mütze verloren ... Nach Hause zurückgekehrt und eine andere Mütze aufgesetzt, lief er wieder in den Pferdestall, mit einem elektrischen Scheinwerfer den Weg beleuchtend, begann die Pferde einspannen zu helfen, völlig entkräftet ..., er ging in die Ecke der Scheune, wo Kutschen standen ... und ließ sich auf etwas in der Halbdunkelheit nieder, völlig erschöpft.«

War Tolstoij krank? Nein. Irrsinnig? Nein. Dumm? Auch nicht. Weder seine Werke noch seine Fähigkeit zu wirtschaften lassen einen solchen Schluss zu. Nein, Leo Nikolayevich war nicht dumm, eher umgekehrt. Was war dann los, warum floh er aus dem Haus? Warum fürchtete er nicht, dass die ganze Welt über ihn lachen würde? Hierzu gibt es unterschiedliche Deutungsvarianten, was sich wiederum in den verschiedenen Bezeichnungen des Fortgangs widerspiegelt: Weggehen, Flucht, Verschwinden ... Mir leuchtet die Version von Ivan Bunin am ehesten ein, dessen Essay mit dem Titel »Die Befreiung von Tolstoij« überschrieben ist - aus ihm stammt das oben angeführte Zitat. Für mich ist diese unsinnige Tat - Tolstoij starb am 10. Tag seiner Flucht - der 91. Band seines Gesamtwerkes, das offiziell aus 90 Bänden besteht.

Dieser »Band« gestattet einen neuen Blick auf die 90 vorausgehenden Bände bzw. ist der erste von 90 Bänden, die noch hätten folgen können. Es ist jener Band, den zu lesen wir noch nicht begonnen haben.

Wenn man annimmt, Tolstoij wäre vor seiner Frau, Sophya Andreyevna, geflohen, dann ist dieser Band ebenfalls ein Tolstoij. Wenn man sich mit Bunin einverstanden erklärt, dass es keine Flucht, sondern eine Befreiung war (welche ich als Auferstehung deute), dann erschließt sich auf diese Weise ein neuer Weg zum Verständnis Tolstoijs, der auch uns betrifft. Aber dies wirft eine Menge von Fragen auf, die leichter zu stellen als zu beantworten sind. Eine Flucht vor seiner Frau ist nachvollziehbar. Aber wenn es Befreiung war, dann entsteht die Frage: Befreiung - wovon? Eine Befreiung - wofür? Und warum auf eine so unsinnige Weise? Schon die Beschäftigung mit solchen Fragen hebt den Nachdenkenden auf eine neue Ebene seiner Selbst.

Mir scheint, die Flucht Tolstoijs aus seinem gemütlichen, sicheren Gut in die stockfinstere, feuchte Herbstnacht auf der einen und die Perestroika auf der anderen Seite sind von gleicher Natur. In beiden Fällen offenbarte sich ein und dieselbe Kraft. Es gibt sie in jedem Menschen, aber auch in jedem Volk. Sie wohnt in den Tiefen der Seele oder, wie hier hervorgehoben werden soll, in den Tiefen des seelischen Chaos,wie ein Ideal, mit welchem der Mensch oder das Volk in das Dasein tritt, und von welchem oft gar nichts zu ahnen ist. Aber dieses Ideal, diese Kraft existiert gleichwohl; und in einem schönen Augenblick gelangt diese Kraft zur Erscheinung. Wir kennen sie nicht, sie ist von uns nicht erforscht, deshalb sind ihre Erscheinungsformen wenig vorhersehbar oder steuerbar, sie sind chaotisch. Alles ist möglich - sich im eigenen Hof zu verirren und seine Mütze, sogar seinen Kopf zu verlieren.

So widerfuhr es auch Russland - es erhob sich und verließ den Ort. Es entfernte sich von seinen alten Grenzen, seinen Verpflichtungen, Feindbildern, Ausrüstungen, Militärstützpunkten, Ideologien, von dem Ehrgeiz eines Imperiums, von allem, was es zum Sklaven machte, womit es nicht mehr leben konnte. Es ging fort, weil es in sich eine neue Kraft spürte, einen neuen Inhalt, welcher auch neue Formen erforderte. Diese neue Kraft bewegte sich plötzlich, wie ein Kind im Leibe der Mutter. Die Erscheinungsform jener neuen Kraft, die keine Raketen, Panzer, Bomben oder andere Äquivalente mehr brauchte, wurde oft als eine Dummheit und Schwäche, als etwas Barbarisches angesehen; sie wird oft als »Weggehen« oder »Fliehen« gedeutet. Aber man sollte darin die Befreiung oder zumindest einen Versuch der Befreiung Russlands vom Alten im Namen des Neuen, das von ihm selbst geboren wird, sehen. Wie dieses Neue sein wird, was in dem Durcheinander der Perestroika geboren wird, weiß niemand.

Welchen Sturm, welches Chaos es in unser Leben noch bringen wird, weiß auch niemand. Ich meine aber, dass es eben solch ein fruchtbares Chaos ist, durch das zum Zweck der Erneuerung zu gehen Hermann Hesse dei Europäer einst aufforderte. Ich möchte diese Aussage Hesses ergänzen: Der Durchgang durch das russische Chaos kann nicht nur in der Absicht, sich selber zu erneuern, erfolgen, sondern sollte auch den Russen helfen, die Früchte der Perestroika zu gestalten und sinnvoll zu nutzen. Es handelt sich hierbei um unterschiedliche Seiten ein und derselben Sache: Das Eine enthält in sich das Andere.

Würde es Europa wagen, statt sich von Russland zu distanzieren und abzugrenzen, - ich bitte um Verzeihung für dieses Bild - zur Hebamme der gemeinsamen Zukunft zu werden, dann hätte es eine Aufgabe übernommen, die bei jedem Geburtsvorgang unerlässlich ist. Europa würde dies helfen, Europa zu werden, und Russland, Russland zu werden.

Warum Putin?

Warum Putin? Das ist eine vielköpfige Frage, vergleichbar einem »Zmey-Gorynych«, einem Drachen des russischen Volksmärchens: Wenn ein Kopf abgeschlagen ist, erwächst an dessen Stelle sofort ein neuer. Die Antwort auf eine Frage gebiert sogleich die nächste: Warum verdient Putin Vertrauen? Warum ist Putin für Russland gut? Warum ist Putin für Europa gut? Warum ist Putin undurchdringlich? Warum überhaupt Putin? Und so weiter.

Als Jeltzin ihn, an seine Hand nehmend, in den Kreml führte, geriet das ganze land in Bewegung. Ein Märchen wurde vor Augen von Millionen zur Wirklichkeit: Im Menschengemenge hatte man plötzlich einen bisher unbekannten Zarensohn, einen legitimen Thronnachfolger, wiedererkannt, und er wurde auf den Thron geführt. Ich glaube, das war eine gesegnete Handlung von Jeltzin: Er hat das Land von bevorstehenden Wahlen befreit, welche die Gesellschaft polarisiert hätten. Und vor alem irrte er in der Wahl seines Nachfolgers nicht. Noch etwas, was meines Erachtens sehr wichtig ist: Diese Tat von Jeltzin brachte dem Land das zertretene, von Demokraten gemeuchelte Erlebnis der Vieldimensionalität zurück, das Erlebnis der Vielschichtigkeit des Daseins, welches zu Beginn der Perestroika noch spürbar gewesen war. Gemeint ist das Erleben, dass Zahlen, Prozente, Fraktionen, Vollmachten und Abstimmungen das Leben nicht zu umfassen vermögen, dass es etwas gibt, was sowohl niedriger als auch höher ist als der Mensch. Dass es etwas im Inneren sowohl von einem Menschen als auch von einem Volk gibt, dass dieses Innere von Bedeutung ist und über Kraft verfügt und dass man dies nie vergessen darf. Deswegen kann ich Jeltzin seinen ganzen Starrsinn verzeihen. Ich bin also für Putin. Es bleibt zu erklären, warum.

Ich glaube, für Putin war der Antritt seiner Regierung ein schwieriger Anfang, da es von allen Seiten Vorbehalte hagelte. Einst KGB-Offizier gewesen (»es gibt keine ehemaligen Chekisten« - so Jawlinsky), dann Schützling der Regierungspartei (seine Hauptautgabe sei es, Jeltzin und seiner »Familie« Sicherheit zu geben, behauptete Zyuganow), wurde ihm von seinen Kritikern vorgeworfen, die Macht nicht legitim erhalten zu haben (»In welchem Jahrhundert, unter welchem Zaren leben wir?«, fragte Nowodworskaya). Kurzum, alles sprach gegen ihn. Aber er vermochte es, das wales gegen ihn« ni ein »ales für ihn« zu verwandeln. Es war ein Wunder, aber es geschah vor Augen des ganzen Landes. Deshalb musste man daran glauben. Seine ersten Ausa- gen, seine ersten Entscheidungen zeigten, dass er die politische Situation durchschaute und die Menschen verstand. Seine Entscheidungen waren durchdacht und seine Taten gelangen. In seinen Worten und Taten spürte man einen Menschen, der in der Lage ist, die Situation realistisch wahrzunehmen, sie zu analysieren, Extreme und Risiken gegeneinander abzuwägen, richtige Entscheidungen zu treffen und sie auch zu verwirklichen. Wenn Putin diese Eigenschaften zu einem Teil seinem Dienst für den KGB verdankte - worin liegt dann das »Kriminelle«? Eine große Bedeutung messe ich der Tatsache bei, dass er (dank KGB!) sechs Jahre in Deutschland verbrachte und nun fließend Deutsch spricht. Für eine junge, stürmische, russische Seele, die das Höchste in sich selbst sucht, kann das Eintauchen in die deutsche Kultur nur eine heilende und gestaltende Wirkung entfalten. Es kann helfen, eigene seelische Inhalte zu erkennen, sie herauszukristallisieren und zu verstärken. Das wird jeder Russe bestätigen, der die deutsche Sprache gut beherrscht und für die deutsche Kultur tiefes Interesse aufbringt.

Michail und Boris wählten das Joch der heimtückischen Zarentochter

Der Eindruck, welcher von Putin ausströmt, ist erschütternd: Dieser Mensch meint, was er sagt; was er ausspricht, sind für ihn keine bloßen Worthülsen, sondern erlebte Realität: Er ist identisch mit dem, was er sagt - etwas, was ich bei anderen Politikern meines Landes bisher so nicht empfunden habe. Ich glaube, dass ein derartiger Eindruck, falls er von dem Präsidenten eines Landes ausgeht, eine enorme, positive Wirkung auf die Bürger dieses Landes hat. Es besteht kein Zweifel, dass Jeltzin, als er Putin die Macht übergab, diesen an bestimmte Bedingungen fesselte. Das sprach zunächst ebenfalls gegen ihn. Es war seine Aufgabe, Jeltzin ein »ruhiges Leben« zu garantieren. Aber die Bevölkerung erwartete von ihm ein entschiedenes Vorgehen gegen Korruption und staatlichen Missbrauch. Und beides ist ihm gelungen. Deshalb schätzen wir Russen ihn. Politiker, auf deren Wort man sich verlassen kann, muss man schätzen.

Putin unterbreitet politische Lösungen, welche die Schalen der unser Land fesselnden Stereotypen durchbrechen. Russland ist bereit, die Frage des Beitritts zur NATO zu bedenken. Die Regierung bezog auch zur heiklen Frage der Kurilen Stellung: Ja, zwischen Russland und Japan gäbe es einen Konflikt, aber dies sei nur einAnlass, damit die zwei Völker einander näher kennenlernten und gemeinsam eine Lösung fänden, welche für beide Seiten annehmbar wäre. Im Ergebnis wurde ein Rat der Weisen gegründet, welchem prominente Persönlichkeiten beider Völker angehören.

Ich befürchte, von den Lesern missverstanden zu werden. Man muss wohl in Russland geboren sein und ein halbes Jahrhundert dort gelebt haben, um gebührend einschätzen zu können, von welcher Bedeutung diese und andere Aussagen und Taten des russischen »Leaders« sind. Übrigens nennt er sich selber nicht so. Er versteht sich als Manager und sieht seine Aufgabe im Schaffen von Rahmenbedingungen, welche das Niveau des öffentlichen Bewusstseins berücksichtigen und notwendige Grundlagen für die Entwicklung verschiedenster Bereiche legen.

Ich glaube aber, dass Russland beginnt, in Putin immer sicherer eine Autorität mit Führungskraft zu erkennen und zu lieben. Es genügt, seine Reisen durch das Land zu beobachten, um dessen sicher zu sein. So hat man hierzulande bisher nur einen Russen empfangen: den Kosmonauten Gagarin. Damals glaubte das Land, es wäre ein Durchbruch in die Zukunft vollzogen, und heute erwacht dieser Glaube an eine Zukunft zu neuem Leben. Der Eindruck entsteht, dass Putin als ein Mensch empfangen wird, der wie Gagarin die Zukunft besucht hat. Derartige Zusammenkünfte zwischen Putin und Teilen der Bevölkerung sind wei ein geistiges Festmahl. Beim Wort »Festmahl« fällt mir Ivan, der Zarensohn mit den verjüngenden Apfeln in einem russischen Märchen, ein. Man schickte ihn, die Jugend spendenden Äpfel zu holen. Er brachte sie, indem er viele Mühen auf sich nahm und sein Leben riskierte. In Russland fand früher dieses Festmahl statt. Solch ein Festmahl bedeutete Freude, die bis in den Himmel reichte, da alle himmlischen Hierarchien daran beteiligt waren. In unserer Zeit kann man in Russland Augenblicke solcher Vereinigungen des Irdischen und des Himmlischen erleben.

In russischen Märchen gelingt alles Gute bekanntlich erst beim dritten Mal. Also gab es vorher schon zwei Versuche. Und wirklich, es gab sie. Die älteren Zarensöhne, nennen wir sie Michail und Boris, haben ihre Versuche unternommen - aber sie haben ein und dieselbe Probe nicht bestanden. An der Weggabelung angelangt, lasen sie auf einem Stein: »Gehst du nach rechts - rettest du dich, aber verlierst das Pferd. Gehst du nach links - rettest du das Pferd, aber verlierst dich selbst. Gehst du geradeaus - wirst du heiraten.« Beide glaubten offenbar, dass der direkte Weg der sicherste sei: Sie entschieden sich hastig für die Heirat und fanden sich bald darauf im Keller wieder, in der Gefangenschaft der heimtückischen Zarentochter Europa.

Der richtige Weg aber ist: Das Pferd zu retten und sich selbst zu verlieren. Sich selbst, alt, in Dogmen und Vorurteilen verknöchert, hat Russland schon in vielem verloren, genauer gesagt, abgeschüttelt. Es gilt aber, sein Pferd nicht zu verlieren. Dann werden am Ende eines langen schwierigen Weges verjüngende Äpfel gewonnen und eine gesegnete Ehe mit der echten Zarentochter Europa geschlossen.

Und es wird ein Festmahl geben.